Plessa

Plessa

Erlebnis-Kraftwerk Plessa
Das Erlebnis-Kraftwerk Plessa im südbrandenburgischen Landkreis Elbe-Elster besitzt als eines der ältesten erhaltenen Braunkohlekraftwerke Europas eine herausragende Bedeutung für die Industriegeschichte der Lausitz und wurde als Schlüsselprojekt in die Internationale Bauausstellung (IBA) Fürst-Pückler-Land aufgenommen. Vor der Entdeckung reicher Braunkohlevorkommen war Plessa ein von Bauern geprägtes Dorf mit rund 400 Einwohnern. Die Wende im 19. Jahrhundert brachte den Beginn des Bergbaus und den Abbau von Braunkohle, wodurch sich die lokale Wirtschaftsstruktur grundlegend veränderte. Im Jahr 1924 setzte man in der nahen Grube „Agnes“ die erste Abraumförderbrücke der Welt in Betrieb, was die Kohleförderung im Lauchhammer-Revier maßgeblich rationalisierte und im Zuge der Ausweitung des Tagebaus ein neues Abbauverfahren mit Förderbrücken begründete.

Durch die Siemens-Schuckertwerke errichtet, begann im Jahr 1926 der Bau des Kraftwerks Plessa auf einem insgesamt 6 Hektar großen Gelände. Die Anlage ging im April 1927 ans Netz, um den steigenden Strombedarf der regionalen Industrie und der umliegenden Gemeinden zu decken. Die Architektur spiegelte den Geist des „Neuen Bauens“ sowie die Aufbruchstimmung der damaligen Zeit wider und zeigte sich in einer exklusiven Ausstattung: Der Eingang zum Verwaltungstrakt wurde mit roten Terrakotta-Fliesen ausgelegt, während die Instrumententafeln und Schaltpulte des Leitstands in Naturstein gefasst waren.

Die technische Kernsubstanz bestand aus einem 84 Meter langen, mit Klinkern ausgemauerten Kesselhaus in Stahlfachwerkbauweise, das fünf Siederohrkessel zur Heißdampferzeugung aufnahm. Über dem Kesselhaus befand sich ein Hochbunker als Kohlespeicher mit 2.000 Tonnen fassenden Bunkertaschen, der über zwei Transportbänder und ein 1926 erbautes Becherförderwerk (Conveyer) beschickt wurde. Dieses konnte stündlich 60 Tonnen im Brechertunnel zerkleinerte Rohbraunkohle vom Außenbunker transportieren. Der Außenbunker selbst wurde 1926 zunächst eingleisig in Stahlbeton errichtet und 1928 zweigleisig erweitert. Für die Stromerzeugung schloss sich ein ebenfalls klinkerausgemauerter Stahlfachwerkbau als Maschinenhaus an. Dieses beherbergte die Turbinen und gekoppelten Generatoren, wobei die installierte Leistung durch vier Turbinen zwischen 1942 und 1945 ihren Höchststand von 54 MW erreichte. Die große Turbine wurde später bei einem Einbruch durch Kupferdiebe zerstört.

Konzipiert war die Anlage als Sammelschienenkraftwerk mit zwei Dampfsammelschienen, aus denen die einzelnen Turbinen flexibel Dampf entnehmen konnten. Diese Redundanz erlaubte Wartungsarbeiten bei laufendem Betrieb. Zur Kühlung des Kondensatorkühlwassers dienten vier Kühltürme, von denen die später errichteten Türme 3 und 4 im Zuge der Sanierung zurückgebaut wurden. Die Wasserversorgung erfolgte primär über Tiefbrunnen sowie für die Haupt- und Zusatzwasserversorgung über eine Doppelleitung zur zwei Kilometer entfernten Schwarzen Elster, an der ein Pumpenhaus mit 75 Kubikmetern stündlicher Förderleistung betrieben wurde. Die Wasseraufbereitung umfasste zwei elf Meter hohe Wasserbehälter. Zwei markante Schornsteine mit Höhen von 115,2 Metern und 120 Metern prägten das Areal, auf dem sich zudem ein Schalthaus, eine E-Werkstatt, ein Sozialtrakt mit Kantine, Umkleiden und Waschräumen sowie ein 1940 errichtetes Pförtnerhaus befanden.

Bis zum Jahr 1942 wurde das Kraftwerk in drei Bauabschnitten auf seine finale Größe erweitert. Nach einer kurzen kriegsbedingten Unterbrechung lief das Kraftwerk im Westbetrieb weiter, ehe es nach der Wiedervereinigung im April 1992 nach genau 65 Betriebsjahren aus wirtschaftlichen und ökologischen Gründen stillgelegt wurde. Nach der Stilllegung fehlte der Gemeinde zunächst die Perspektive für eine sinnvolle Weiternutzung, weshalb trotz des seit 1985 bestehenden Denkmalschutzes ein Totalabriss diskutiert wurde. Im Rahmen der Vorbereitungen zur IBA Fürst-Pückler-Land und mit der Aufnahme in die Projektliste im Jahr 1998 sowie der Gründung des Fördervereins Kraftwerk Plessa e.V. gelang es jedoch, den Abriss zu verhindern.

Im Jahr 2001 wurde die Industrie-Denkmal- & Industrie-Museum Kraftwerk Plessa gGmbH als heutige Eigentümerin gegründet. Gemeinsam mit der IBA wurde ein Konzept entwickelt, um mindestens ein Drittel der historischen Bausubstanz im Inneren und Äußeren originalgetreu zu erhalten. Die weiteren Gebäudeteile werden seither schrittweise saniert, um einen Branchenmix mit Schauproduktionen und Gastronomie zu etablieren. Bis 2007 wurden mit der Sanierung der Schornsteine und des „Weges der Kohle“ erste Meilensteine durch europäische und landeseigene Fördermittel realisiert. Auf geführten Rundgängen ist das Kraftwerk erlebbar, zudem finden in der ehemaligen Turbinenhalle Veranstaltungen vom klassischen Konzert bis zur Techno-Nacht sowie das jährliche Kraftwerkfest am 1. Mai statt. Um die regionalen Zusammenhänge der Schwerindustrie sichtbar zu machen, schloss sich das Kraftwerk 2007 der durch die IBA initiierten „ENERGIE-Route Lausitzer Industriekultur“ an.

Anders als viele andere IBA-Projekte, die oft umfassend saniert, modernisiert oder einer völlig neuen Nutzung zugeführt wurden, behielt die Anlage in Plessa jedoch bewusst ihren authentischen Charakter als unrenovierter „Lost Place“, an dem der Verfall und die Spuren der Zeit sichtbar geblieben sind. Heute fungiert das weitgehend im Originalzustand belassene Kraftwerk als Kulturort, welcher durch diesen besonderen Zustand die technische Entwicklung der Stromerzeugung aus Braunkohle sowie den historischen Wandel der Lausitzer Energielandschaft dokumentiert.

©Urheberrecht. Alle Rechte vorbehalten.

Information icon

Wir benötigen Ihre Zustimmung zum Laden der Übersetzungen

Wir nutzen einen Drittanbieter-Service, um den Inhalt der Website zu übersetzen, der möglicherweise Daten über Ihre Aktivitäten sammelt. Bitte überprüfen Sie die Details in der Datenschutzerklärung und akzeptieren Sie den Dienst, um die Übersetzungen zu sehen.